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About Literature / Student Member Knight-Poet29/Male/Germany Recent Activity
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Es ist soweit. Draußen, in der Kälte, fallen die letzten Sonnenstrahlen und färben den Schnee ein letztes Mal blutrot. Die Tage sind kürzer und kürzer geworden. Heute bricht sie an, die lange Nacht. Die Checklisten sind vollständig.
Ich habe getan was ich konnte.

Bereit oder nicht, die lange Nacht ist gekommen. Für einige Wochen wird dies der letzte Sonnenschein sein, der auf diese weiße Wüste fällt.

Ich ziehe die Schneehose, die gefütterte Jacke, die schweren Stiefel an. Ich schnalle die Schneeschuhe um. Dann gehe ich zu der schweren Stahltür und beginne, das große Verschlussrad zu drehen. Die Stahlstäbe gleiten aus den Vertiefungen im Rahmen der Sicherheitstür.
Ich ziehe die dicke Tür auf und betrete den Vorraum. Dort schließe ich die innere Tür und drehe die vier Kurbeln, die die große, runde Außentür geschlossen halten.
Mit jeder Umdrehung rattert es und die Kurbeln rasten nacheinander mit einem hohlen Klacken in der äußersten Öffnungsposition ein. Ich ziehe einen Hebel und die Hydraulik springt an. Langsam schwingt der schwere Panzerstahl auf. Nur auf einen Spalt lasse ich die Öffnung wachsen. Gerade groß genug dass ich hindurchpasse.

Sofort weht Schnee in den Vorraum. Dann fallen Brocken durch den Spalt. Ich ziehe die Skibrille über meine Augen und setze die Kapuze auf. Dann ziehe ich meine Handschuhe an, greife die schwere Stahltür und ihren Rahmen und ziehe mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier ins Freie.

Die Kälte schneidet wie ein glühendes Messer in meine Lunge. Meine Nase wird fast sofort taub. Ich stapfe weiter hinaus. Der Wind peitscht die langen Kunstpelzfasern des Kapuzenfutters in mein Gesicht.
Feiner Schneestaub treibt über die öde Landschaft. Alles Leben hier ist tief begraben. Allein ich habe mich an die Oberfläche gewagt.
Der Anblick hier ist zugleich ergreifend und zutiefst erschreckend. Ein letzter Streifen roter Sonne zeigt sich über dem Horizont und taucht die weiter Wüste vor mir in ein blutiges Rot. In den schattigen Seiten der Dünen sammelt sich die Finsternis wie langsam steigende Seen blauschwarzer Tinte, bereit alles zu überfluten.

Ich schaue in die Sonne und nehme innerlich Abschied vom Licht. Trotz des brennenden Rot verstrahlt die letzte Sonnensichel hier draußen kein Quäntchen Wärme mehr.
Ich beobachte, wie die Schatten sich langsam hinter den Dünen hervorwagen und das Rot verblasst. Dann springen die Schatten hinter den Hügeln hervor wie gierige Monster aus Gräben und das Rot erstirbt. Und plötzlich möchte ich nicht mehr hier draußen sein.

Ich drehe mich um und haste zurück in den Bunker, so schnell mich meine frierenden Glieder und die Schneeschuhe tragen. Im Vorraum schlage ich auf einen roten Knopf und die schwere Panzertür fällt zu. Die Kurbeln drehen sich automatisch und mit einem dumpfen Schlag schießen die Stahlstäbe zurück in die Wand.
Ich klopfe den Schnee von mir ab, ziehe die Schneeschuhe aus. Die innere Tür sichere ich selbst wieder. Die Winterkleidung hänge ich zurück an den Haken neben der Tür.

Es ist kalt geworden in meinem Heim. Ich verkrieche mich ins Bett und warte, dass die Heizung den Raum wieder erwärmt. Ich ziehe die Decke bis unter meine Nase und starre in das kalte Licht der Leuchtstoffröhren.
Ich weiß nicht wie lange ich so da liege, als ich es höre. Das Funkgerät rauscht. Dann knackt es. Dreimal.
Ich halte den Atem an. Blicke zum Empfänger. Die Anzeigen des Geräts leuchten, doch die Nadeln liegen Still in der Ruheposition. Das Oszilloskop zeigt nichts als eine gerade Linie.
Die Uhr zeigt Mitternacht. Ich muss einige Stunden nur dagelegen haben, bevor das Geräusch mich aus meiner Starre geweckt hat.
Noch immer halte ich die Luft an.

Stille.

Nichts.

Ich lasse langsam die Luft aus meiner Lunge weichen. Nehme einen vorsichtigen Atemzug.
Mein Herz muss gehämmert haben, denn ich spüre wie es sich beruhigt.

Gerade will ich aufstehe und mir etwas zu Trinken nehmen, das erstarre ich erneut und mir gefriert fast das Herz.
Da ist es wieder. Genau so wie vorhin. Langes Rauschen, dann knackt es dreimal in regelmäßigem Abstand.

Rausch.

Knack. Knack. Knack.
Allein - Tag 9
Da ist er - der neunte Tag. Mit ihm kommet eine leichte revision der vierten Episode. Ich habe beschlossen, dass der Zeitsprung viel besser nach dem dritten Tag hineinpasst. Tag 4 verwandelt sich also auf wundersame Weise in Tag 8!

Wie immer hoffe ich, es gefällt, und wie immer heiße ich Lob und Kritik herzlich willkommen :)

Die vorangegangene Episode findet ihr hier: Allein - Tag 8
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Ich bin allein. Völlig allein. Über eine Woche schon.

Ich sitze in einem Stuhl am Schreibtisch und schaue auf das Funkgerät. Es ist angeschaltet, wie immer. Es schaut zurück und schweigt.
Es ist still hier. Manchmal bilde ich mir ein, den Bunker arbeiten zu hören, ein knarren und stöhnen, fast wie schweres Atmen. Als steckte ich in einem riesigen, starren Lebewesen.
Manchmal bilde ich mir ein, das sachte Fallen des Schnees von draußen zu hören, wenn ich durch das Fenster schauen und den grauen Schatten der Flocken folge.

Manchmal bilde ich mir ein, ich wäre ganz allein. Hier, aber nicht nur hier. Überall. Allein in einer leeren Welt, nur ich, der Schnee, die Stille und das Funkgerät, das schweigt. Als wäre dies die einzige Wirklichkeit, als gäbe es sonst nichts. Niemanden. Nicht den Versorgungshubschrauber, der mich hergebracht hat, nicht die Stimmen in den weißen Kitteln, oder den Uniformen, die mich herbeordert haben, nicht den Dreck, das Blut und die Geschosse, die ich hinter mir gelassen habe. Nur hier.
Und dann knackt und rauscht das Funkgerät, und ich weiß, da ist noch etwas. Da ist ein Signal. Es gibt das andere Ende. Wie immer halte ich den Atem an und lausche, doch das Funkgerät kehrt zu seinem steten Schweigen zurück, und ich bin wieder allein.

Manchmal bilde ich mir ein, morgen wäre alles vorbei. Morgen wäre alles zu Ende, und ich könnte gehen. Einfach gehen, und ein Leben leben, in einer großen Welt. Ich könnte die Tür öffnen und einfach gehen, und nichts würde mich aufhalten. Und ich könnte alles sehen.
Oder vielleicht bin ich auch einfach vergessen, und die Welt dreht sich weiter ohne mich, und ich sitze hier, im Zentrum der Stille, tief in Schnee und Stahlbeton, und nichts kann mich berühren. Die Welt wäre nicht unendlich groß, sondern winzig klein, mit mir als warmem Zentrum. Und das Funkgerät würde ewig nur hin und wieder knacken und rauschen, und ansonsten schweigen.

Bald wird sie kommen, die lange Nacht. Die Nacht, für die ich hier bin. Nur ich, die Nacht und das Funkgerät. Ich muss mich vorbereiten. Ich steige hinab ins Lager und überprüfe die Vorräte. Ich prüfe die Taschenlampen, prüfe die Batterien, Zähle die verschiedenen Leuchtmittel, vergewissere mich des Drucks auf Gasflaschen, halte Prüfstäbe in Öl- und Dieseltanks, streiche über Kisten mit Isolationsdecken, Dichtungsschaum, Knicklichtern, Magnesiumfackeln, Notfallrationen, Notfallmedikamenten, Verbänden...
Ich prüfe die Pistole, zähle die Munition. Krame durch Werkzeugkästen, hake Teile und Kabelrollen auf einer Liste ab. Blase Staub von einer Kiste mit einigen Handgranaten. Ich lausche am Generator, horche an der Belüftung, schaue in die Zisterne. Ich überprüfe Anzeigen, lese Zahlen ab, notiere Wartungsdaten, beobachte Skalen und zitternde Anzeigenadeln. Hier und da fülle ich noch etwas Öl nach, sprühe ein wenig Schmiermittel auf.

Und dann bin ich fertig. Habe geprüft, was es zu prüfen gibt, gezählt, was es zu zählen gibt, abgelesen, was es abzulesen gibt. Mein Finger wandert über mein Klemmbrett, über die Seiten meiner Liste, über abgehakte Punkte, erledigte Aufgaben, geprüfte Umstände und Vorräte. Alles ist bereit für die lange Dunkelheit, die bald über mich und mein Heim und das Funkgerät hereinbrechen wird.
Das lange Warten steht bevor. Auf die Sonne. Auf ein Signal. Auf das knacken und Rauschen des Funkgeräts.

Manchmal bilde ich mir ein, das Alleinsein strecke sich vor mir aus wie eine ewige, friedliche Ebene, eine Ruhe über die ein sanfter Wind geht, der nach Freiheit schmeckt.

Manchmal bilde ich mir ein, ich wäre bereit.
Allein - Tag 8
Endlich bin ich mal dazu gekommen, Tag 4 fertig zu schreiben. Bald ist es Zeit, richtig loszulegen, und herauszufinden, wo ich letztendlich mit dieser Geschichte hin möchte, und wo sie letztendlich landen wird. Es wird Zeitsprünge geben, also nicht wundern, wenn auf Tag 4 auf einmal Tag 14 folgt, oder so.
Wie immer hoffe ich, dass mein geschreibsel gefällt, und heiße Lob und Kritik jederzeit willkommen!

Eine kleine Revision hat stattgefunden: Tag 4 ist nun Tag 8, weil ich den ersten Zeitsprung für hier für angemessener hielt.

Das vorangegangene Kapitel findet ihr hier: Allein - Tag 3
Das nächste Kapitel ist da! Hier der Link: Allein - Tag 9
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Ich stehe auf. Die Uhr sagt, es ist sieben in der Frühe. Ich mache das Licht an. Von draußen dringt keine Helligkeit durch das schmale Fenster. Vielleicht bin ich eingeschneit. Wahrscheinlich ist es noch dunkel draußen.
Ich gehe ins Bad.

In der Dusche lasse ich das Wasser über mich rinnen und wärme kriecht langsam durch mein Fleisch in meine Knochen. Ich schließe die Augen und spüre die Rinnsale auf meine Haut, den prickelnden Druck der Wasserstrahlen auf Kopf und Schultern. Höre auf das Rauschen und Gurgeln. Atme ein. Atme aus.

Ich habe nicht geträumt in dieser Nacht. Die Bilder sind immer bei mir, doch ich habe nicht geträumt.
Ich seife mich ein, spüle mir durch das Haar, genieße die Wärme, die reinigende Sanftheit des Wassers einen Moment länger, Dann stelle ich die Dusche ab und greife ein Handtuch.
Alles ist in einen weißen Nebel gehüllt, als ich mich abtrockne. Ich atme ein.Ich spüre die feinen Wassertröpfchen in der Luft auf meiner Zunge, in meinem Rachen, in meiner Lunge.

Mir bricht kalter Schweiß aus. Mein Herz beginnt zu Rasen. ich halte eine Hand vor meinen Mund, die andere tastet panisch nach einer Gasmaske, die nicht da ist. Ich meine, Schemen im Nebel zu sehen. Groß und bedrohlich, in Helmen und langen Mänteln. Meine das keuchen zu hören, von Atemzügen die durch Gasmasken gesogen werden. Die Schatten langer Läufe erscheinen im Nebel, Bajonette wie Speerspitzen darauf aufgepflanzt. Klappspaten. Lange Messer, bedrohlich erhoben. Der Tod aus dem Gas.
Dann erinnere ich mich, wo ich bin. Die Schatten entschwinden, zurück in die dunklen Ecken und hinter die Türen in meinem Kopf, die ich stets geschlossen zu halten versuche. Ich habe regungslos dagestanden. Meine Hände, taub und prickelnd wie Fremdkörper am Ende meiner Arme, krallen das Handtuch. Langsam fahre ich fort, mich abzutrocknen. Mein Herz hört auf zu rasen, hämmert jeden langsamen Schlag mit Wucht, wie um zu versichern, dass es nach wie vor seinen Dienst tut.
Ich atme aus.

Ich trete aus dem Nebel des Bades in den Wohnraum. Schnell tappe ich vom Kunststoffboden auf den alten Flickenteppich. Spüre den Stoff unter meinen Zehen. Kein Schlamm. Keine Erde. Keine Trümmer. Nur ein alter Flickenteppich.
Ich ziehe mich an.

In der Küchenzeile bereite ich mir etwas zu Essen zu. Dosenfraß. Haltbar. Einfach zu stapeln. Ich werde eine weile hier sein.
Ich habe einfach irgendetwas gegriffen. Öffne die Dose. Schaue hinein. Linseneintopf. Ohne Fleisch.
Ich schütte den Inhalt in einen kleinen Topf und stelle den Herd an. Ich rühre um. Ich gieße den heißen Eintopf in eine tiefe Schale, nehme einen Löffel und gehe zum Schreibtisch. Zum Funkgerät. Ich schaue es misstrauisch an, doch es schweigt. Dann esse ich.

Die Kaffeemaschine läuft und erfüllt den Raum mit bitterem Aroma. Ich sitze am Schreibtisch und habe die Augen geschlossen. Denke an nichts.
Atme ein. Atme aus.
Mir gegenüber das Funkgerät. Es sitzt da und schweigt. Kein Signal. Kein knacken. Kein rauschen. Ich bin erleichtert.
Minuten später habe ich einen Becher mit Kaffee in der Hand. In der anderen halte ich ein Buch. Die Buchstaben und Worte waschen über mich hinweg. Ich lese, ich verstehe, ich folge, aber es bedeutet nichts. Nur etwas zu tun.

Als ich aufblicke, sehe ich dass durch das schmale Fenster ein streifen grauen Lichtes dringt. Dieses Licht enthält keine Wärme. Alle Energie, die ihm die Sonne einst mitgegeben haben mag, ist in der dicken Wolkendecke geblieben, und in der Schneeschicht vor dem drahtverstärkten Panzerglas. Fast sofort verliert er sich in der blendenden Helligkeit der Leuchtstoffröhren unter der Decke.
Und doch schließe ich die Augen, halte mein Gesicht hinein, und vermeine, das Licht auf meiner Haut zu spüren. Jenes Licht, das sich durch unendlich kalten Raum gekämpft hat, durch schwere Wolken, durch eisige Luft und dichten Schnee, spült nun über mich wie die sanfte Dusche der Götter. Oder so scheint es mir zumindest.

Ich atme ein. Atme aus.
Allein - Tag 3
Hier nun Tag 3 meines Projektes "Allein". Zeit, einmal ein bisschen über meine Erzählform zu reflektieren.

Einen meiner ersten Aufsätze in der Schule schrieb ich in einer ungewöhnlichen Erzählform. Erste Person Singular Präsens. Ich wählte diese Erzählperspektive, ich weiß nicht mehr warum. Es war eine Erlebniserzählung, und ich erhielt die schlechteste "Note" (Eigentlich ein geschriebenes Feedback) meiner jungen Schülerkarriere. Heute kann ich das nachvollziehen. Der Aufsatz war schlecht. Ich hatte mich mit der Erzählform klar übernommen.

Jetzt, 20 Jahre, einige hundert gelesene Bücher und ich weiß nicht genau wieviele Aufsätze und andere selbstgeschriebene Texte später habe ich mich entschlossen, die Herausforderung erneut anzunehmen. Ich bin ihr diesmal gewachsen, und ich weiß, welche Möglichkeiten diese Erzählperspektive bietet.
Für dieses Projekt habe ich sie gewählt, um einen möglichst direkten Zugang zum Erzähler zu bieten. Mein eigentlicher Plan war, Tagebucheinträge zu verfassen. Nachdem ich Tag 1 zunächst als solchen konzipierte, und auch schon etwa halb fertig geschrieben hatte, merkte ich, dass mir diese Herangehensweise immer noch nicht unmittelbar genug war.
Die Lösung war schnell gefunden: Ich verwarf die Idee von einem Erzählmedium, in diesem Falle dem Tagebuch, als Mittler. Eine Art innerer Monolog, präsentiert in den Ausschnitten, die hier die Kapitel, oder "Tage", sind.
Und mit dieser Erzählform fühlt sich mein Text nun endlich unmittelbar und roh genug an, erreicht er die Atmosphäre die ich mir wünsche.
Es ist sicher nicht die üblichste Erzählform, aber die bietet interessante Möglichkeiten, und eine Identifikation mit dem Erzähler, die kaum eine andere Erzählform so von sich aus mitbringt.


Zum Schluss noch ein hinweis: Nach einer kleinen Revision schließt nun der erste Zeitsprung an diese Episode an! Es geht also weiter mit Tag 8! (siehe unten)


Das Vorangegangene Kapitel findet ihr hier: Allein - Tag 2
Das nächste Kapitel ist da, und hier zu finden: Allein - Tag 8
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Ich wache auf und schaue auf die Uhr. Es ist vier Uhr in der Frühe und stockfinster. Warum bin ich wach geworden? Ich weiß es nicht. Vielleicht war es die Stille, die Leere meines Heims. Vielleicht hat ein Wasserhahn getropft. Vielleicht ist der Wind laut heulend über das Stahlbetondach gefahren. Vielleicht hat das Funkgerät geknackt. Oder gerauscht.

Ich liege mit geöffneten Augen da und starre in die absolute Schwärze. Es ist wieder still. So still, dass ich meine, das Blut in meine Ohren rauschen zu hören, laut wie einen wilden Fluss oder einen Wasserfall. Wenn jemals ein Geräusch da war, ist es längst verhallt. Verschluckt von der Leere und der Dunkelheit. Untergegangen im Schnee, der draußen mittlerweile sicherlich über einen Meter hoch liegt.
So dunkel ist es, dass flimmernde Formen vor meinem Auge erscheinen, Nerven, die aus schierer Anstrengung des Nichtstuns und Starrens Signale in mein Gehirn feuern. Das schiere Nichts als Auslöser.
Und auch meine Gedanken beginnen zu Wandern. Das schiere Nichts als Auslöser. Und auf einmal kann ich sie nicht mehr halten. Meine Gedankenwelt verlässt das Hier und Jetzt. Ich beginne zu driften im endlosen Ozean der Zeit und der Erinnerung.

Ich stehe in einem Schützengraben, die Ränder schneebedeckt. Die Erde jenseits davon ist aufgewühlt von Artilleriekratern, zertrampelt und matschig von den Stiefeln der Soldaten, voller Panzersperren und Stacheldraht. Alles ist verlangsamt. Alle Geräusche sind gedämpft. Um mich herum treiben die Kugeln durch die Luft, auf dem weg zu ihrem Ziel. Graben sich unendlich langsam vor mir und hinter mir und neben mir in die Erde, oder bohren sich in das Fleisch der Soldaten neben mir, die langsam, wie durch Sirup, zu Boden sinken.
Ich bin dort, und doch so weit weg. Ich treibe im Geschehen, doch kann es mich nicht berühren. Eine Artilleriegranate schwebt auf mich zu, so langsam, und doch so unabwendbar, unvermeidbar, endgültig. Ich beobachte ihr näherkommen, die konische Spitze, die langsame Drehung um die eigene Achse, die Schrammen in der Seite, wo die Züge des Geschützlaufes sie gegriffen haben, nur Momente bevor sie ihre unaufhaltsame Reise begann.
Ich spüre Angst, die alte Angst, die wohlbekannte Angst, obwohl ich weiß, dass ich nicht hier bin. Und doch bin ich hier, und ich weiß, dass das Ende gekommen ist. Die Granate wird einschlagen und mich und so viele andere in Fetzen reißen, und nichts von all dem wird irgendetwas bedeutet haben. Ich atme aus.
Dann, mit dieser unabwendbaren, behäbigen Bestimmung, schlägt die Granate ein. Weißes Licht hüllt meine Sinne ein.

Weiße Vorhänge. Noch immer ist meine Welt gedämpft und langsam. Ich liege da, treibe auf einem rauen Laken. Bin ich hier oder bin ich dort? Es macht wenig Unterschied. Ein Vorhang wir zur Seite geschoben, jemand in einem weißen Kittel erscheint. Unendlich langsam bewegt sich der Mund, und die Bedeutung der Worte scheinen ewig zu brauchen, um in meinem Gehirn anzulangen. Blindgänger, heißt es. Vom Luftdruck fortgeschleudert, heißt es. Knochenbrüche, Schädeltrauma, geplatzte Trommelfelle, heißt es. Die Stimme wäscht über mich hinweg. Ich treibe auf dem Laken. Die Vorhänge schließen sich wieder. Ich versinke erneut im Weiß.

Eine zweite Stimme. Eine Stimme in einer Uniform. Ein Klemmbrett. Hat diese Stimme schon einmal mit mir gesprochen? Oder ist es der erste Besuch?
Schock, heißt es. Panikattacken, heißt es. Angstzustände, heißt es. Von Katatonie ist die Rede. Ungeeignet, höre ich. Aussortiert. Unfähig. Kein Frontmaterial.
Die Stimme wäscht über mich hinweg.
Das Letzte, was ich registriere, ist das Knacken und Rauschen eines Funkgeräts.

Ich liege in der Stille und schaue hinüber in die Richtung, in der ich den Schreibtisch vermute. Ich kann mir nicht mehr sicher sein, wo er ist in dieser Dunkelheit. Wo ich bin. Hat das Funkgerät geknackt? Gerauscht? Ich halte inne, aber nichts ist zu hören.
Ich taste nach dem Lichtschalter. Weißes Licht explodiert aus dem Lampenschirm und ich kneife die Augen zusammen. Dann stelle ich meine Füße auf den kalten Kunststoffboden. Ich tappe über den alten Flickenteppich ins Bad.
Auf dem Rückweg bleibe ich in der Mitte des Raumes stehen. Das Licht der Nachttischlampe erhellt den Raum nur unvollständig. Ich stehe im Zwielicht und fühle den Flickenteppich unter meinen Zehen. Ich schaue hinüber zum Funkgerät. Fast scheint es meinen Blick zu erwidern.

Doch dann ist der Moment vorbei.
Allein - Tag 2
Teil zwei meines Projektes "Allein". Ich hoffe es gefällt. So langsam nehmen Geschichte und Konzept auch in meinem Kopf mehr Gestalt an. Ich weiß wo es ungefähr hingehen soll, und wo es ungefähr herkommen soll.
Und ich weiß, was ich Stilistisch in etwa möchte.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.


Falls ihr ihn noch nicht gelesen habt: Hier ist Tag 1

Es geht weiter: Allein - Tag 3 ist fertig
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Ich bin allein. Völlig allein. Der Versorgungshubschrauber hat mich abgesetzt, die Vorräte ausgeladen und ist wieder verschwunden. Hier bin ich nun, auf meinem einsamen Posten, mitten in der Kälte, und die lange Nacht rückt näher.
Draußen hat es angefangen zu schneien, und die immense Stille einer weiten, unbewohnten Ebene ist der Stille einer intimen, kleinen Höhle gewichen. Das Licht, das durch die Fenster fällt, ist grau. Alles ist gedämpft. Ich bin allein, in Watte gepackt.

In der einen Ecke des kleinen Raums, der für die nächsten Monate mein Heim sein wird, steht das schlichte Metallbett. An der gegenüberliegenden Wand ist die Kochzeile untergebracht. Gegenüber der schweren Stahltür steht der Schreibtisch mit dem Funkgerät, der neue Grund meines Daseins. Die Wände sind aus Beton, weiß gestrichen, der Boden blauer Kunststoff. Irgendjemand hat einen Flickenteppich auf den Boden gelegt und bei seiner Ablösung hiergelassen. Ich bin dankbar, so ist der Raum nicht völlig trist.

Nachher werde ich einige Poster aufhängen und Fotos aufstellen.

Das Funkgerät schaut mich an und ist still. Hin und wieder höre ich es rauschen und knacken und halte kurz inne, doch dann verstummt es wieder, als wäre nichts gewesen. Es wird die ganze Zeit, die ich hier verbringe, angeschaltet sein. Es wird hin und wieder rauschen und knacken, und dann, wenn ich innehalte und gespannt horche, oder mich umdrehe um es anzusehen, wieder still sein. Und doch muss es angeschaltet bleiben. Dafür bin ich hier. Um allein zu sein, um auf ein Signal zu warten.
Um innezuhalten, wenn das Funkgerät knackt und rauscht.

Ich bin allein, und es ist still. Ich fühle mich weit weit weg von allem. Von zuhause, von der Welt, vom Krieg, den ich zurückgelassen habe, und der mich doch nicht ganz von sich fortlässt. Der mich hier her gebracht hat.
Wenn ich aus dem schmalen Fenster tief im dicken Stahlbeton blicke, sehe ich nichts als grau und weiß. Der Boden ist schneebedeckt, und hin und wieder sehe ich die schweren, grauen Wolken durch das dichte Schneetreiben.
Ich schaue zur schweren Stahltür, dem einzigen Weg aus meinem neuen Heim, zur Schneehose, dem dicken Mantel und den Stiefeln und Schneeschuhen, die daneben an einem Haken hängen. Draußen ist es kalt und windig, draußen wartet die unendliche Weite einer verschneiten Ebene. Ich drehe mich um und schaue wieder zum Funkgerät.

Das Funkgerät knackt und rauscht. Ich halte inne. Dann ist es wieder still.
Allein - Tag 1
Tag 1 der Reihe "Allein", die irgendwann irgendwo zwischen Kurzgeschichte und Novelle landen soll. "Allein" ist ein Arbeitstitel, der sich noch ändern kann, genau wie sich Genre und genauer Verlauf noch ändern können. Dieses Kapitel ist nur eine Einleitung, ein Vorgeschmack auf die Szenerie und den Stil. Ich bin gespannt wie es weitergeht :)

Tag 2
ist geschrieben!
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I feel another rant coming on. What's more, it is about how I understand art, once again!

Art is supposed to be free. It should be free. Free to do its own thing. Free to be its own purpose.

But! Art should also be free to be political. Opinionated. Not only about beauty, but about issues. Free to be unpleasant, uncomfortable.

All art is about things that matter to the artist, in one way or another. That can be both "Ars gratia Artis" (Sorry for stealing, MGM!) and art that kicks some issue right where it hurts.

And another BUT! Art does not exist in a vacuum. Art exist as much because an artist makes it, as it exists because people see it. Art does not only spring forth from the artist's pen (or brush, or graphics tablet, or guitar, or hammer and chisel), but is also created in the heads of all the people who view it. (I have already done a journal entry about this.) Thus, NO ART IS ABOVE CRITIQUE, as no opinion is above opposition. And neither is it above dislike. No art is objectively antirely true, or valid, or good. Neither is it entirely untrue, or invalid, or bad. The rest is a matter of taste, and argument. A whole lot of argument, sometimes.
And that is just as well, because if it wasn't: Why bother? Why provoke? Why challenge our peers? Why be inspired or angered or touched? Why?

Knight-Poet out!

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:iconbook-of-shards:
Book-of-Shards Featured By Owner Jan 11, 2015
Merci beaucoup, gentil Monsieur :)
Reply
:icontutziputz:
Tutziputz Featured By Owner Jan 4, 2015  Hobbyist Writer
Hallo :wave:

Herzlich willkommen bei uns :iconmusenkinder:

Wir freuen uns schon auf Deine Werke und wünschen viel Spaß beim Stöbern in unserer Galerie. :)
Reply
:iconknight-poet:
Knight-Poet Featured By Owner Jan 5, 2015  Student Writer
Danke für die Aufnahme! Ich habe soeben einige Werke gepostet, mehr wird folgen ;)
Reply
:iconshelleypalmer:
shelleypalmer Featured By Owner Nov 25, 2014  Hobbyist Writer
Thanks for the faves and the watch! Much appreciated.
Reply
:iconknight-poet:
Knight-Poet Featured By Owner Dec 12, 2014  Student Writer
'twas my pleasure :)
Reply
:iconbook-of-shards:
Book-of-Shards Featured By Owner Oct 30, 2014
Mille grazie!
Reply
:iconknight-poet:
Knight-Poet Featured By Owner Oct 31, 2014  Student Writer
De nada ;)
Reply
:iconbook-of-shards:
Book-of-Shards Featured By Owner Oct 9, 2014
Danke sehr :)
Reply
:iconknight-poet:
Knight-Poet Featured By Owner Oct 9, 2014  Student Writer
Bitteschön :)
Reply
:iconstory-of-a-mind:
Story-of-a-Mind Featured By Owner Sep 13, 2014  Hobbyist Writer
I'm a little late with this, but than you very very much for the watch. :heart:
Reply
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